Ist es nur ein Schallplattenladen, der geht?

oder ein weiteres Beispiel, wie die Vielfältigkeit des künstlerischen/kulturellen Ausdrucks in der Stadt langsam stirbt:

33 rpm hat aufgegeben: Zwei Artikel aus der überregionalen Presse
Aus der TAZ Nord 12. April 2010
Die Zeit: 8. April 2010

Aus der TAZ Nord 12. April 2010 – Plattenhändler Mahmutoglu über Sog der City

“Bin ich auf dem totalen Holzweg?”
Als Adem Mahmutoglu einen Plattenladen übernahm, hatte die CD längst die Schallplatte verdrängt. Als es sein Umfeld in die Metropolen zog, blieb er in Bremerhaven – aus Prinzip. Jetzt geht er nach Berlin.

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Neues im Blick: Adem Mahmutoglu, jetzt Kreuzberger.
Foto: Ruben Donsbach

taz: Herr Mahmutoglu, sind Sie das letzte Schaf, das, wenn auch ein wenig widerwillig, der Herde hinterherläuft?

Adem Mahmutoglu: So fühle ich mich ein bisschen, ja.

Warum haben Sie ausgerechnet in Bremerhaven über zehn Jahre einen Plattenladen betrieben?

“Graffiti” war in Bremerhaven schon legendär, als ich dort Ende der 1980er Jahre mit meinen Freunden Punk- und Hardcore-Platten kaufte. Als Mitte der 1990er Jahre der damalige Besitzer Wolfgang Kalkstein erkannte, dass Media Markt und die CD der Vinyl-Schallplatte den Garaus machen könnte, stand der Laden zum Verkauf. Ein Bekannter übernahm ihn, ich beteiligte mich schließlich daran. Seit 2000 führe ich den Laden allein.


Sie sind also ausgerechnet in einer denkbar schwierigen Situation eingestiegen.

Je mehr Leute um mich herum ab Mitte der 1990er Jahre gesagt haben: “Bloß weg aus Bremerhaven!”, desto mehr hat sich für mich so ein Schutzschild um die Stadt gehüllt. Ich dachte mir: Das ist so eine Art Sorgenkind, für das man sich engagieren muss. Die Entscheidung nach Berlin zu gehen fühlt sich auch ganz schön verrätermäßig an.

Adem Mahmutoglu, 37wurde im türkischen Rize am Schwarzen Meer geboren und kam 1976 als Dreijähriger nach Deutschland. In Bremerhaven lebt er, seit er zwölf ist.
arbeitete ab Mitte der 1990er Jahre im Bremerhavener Plattenladen “Graffiti”, den er 2000 übernahm.
spielt bei den Bands “Faruk Green” und “Edwyn Tokyo”. Unter dem Pseudonym Jeff Özdemir bringt er tanzbaren Elektro-Soul heraus.
betreibt das Label “33rpm records” und eröffnet nun den “33rpm Store” in der Wrangelstraße in Berlin-Kreuzberg.

Wen verraten Sie denn?

Wenn alle sagen: “Hier geht nichts” und schließlich weggehen, dann ist das ein Teufelskreis. Einem 17-, 18-Jährigen muss kulturell etwas geboten werden, was er nicht bei YouTube sehen oder in der Zeitung lesen, sondern echt erleben kann. Man kann sich doch nicht vom Zeitgeist und irgendwelchen Videos erzählen lassen, wie ein gutes Leben aussieht. Bei mir war das noch anders. Es gab da dieses Kulturzentrum “Roter Sand”, in dem regelmäßig Konzerte veranstaltet wurden. Die haben wahrscheinlich auf die kleine Szene in Bremerhaven so gewirkt wie das “Kraftwerk”-Konzert in Detroit auf jene Leute, die kurz danach angefangen haben, Techno in die Welt zu bringen. Und wie willst du heute 17 Jahre alt sein und so etwas Geiles geboten kriegen, wenn die Leute, die so was machen könnten, einfach nach Berlin gehen?

Wer kam denn so alles zu Ihnen?

Es gab schon einige, die sich hier getroffen haben, um dann gemeinsam größere Projekte anzuschieben. Für Bremerhavens Musikszene war der Laden sicher wichtig.

Und dazu gibt es heute nichts Vergleichbares mehr?

Ich empfinde das so. Es ist zur Mode geworden, direkt nach dem Abi wegzugehen. Bremerhaven ist davon schwerwiegend betroffen, die Leute tummeln sich alle in Berlin oder Hamburg.

Und wie sind Ihnen gegenüber all die ehemaligen Bremerhavener aufgetreten?

Von denen kam sehr oft der Spruch: “Das ist echt die letzte Bastion, cool, dass du die Flagge hochhältst.” Von einigen wurde ich auch belächelt, weil ich immer noch da war – klebengeblieben. Auch wenn das Positive meistens überwog, gab es Punkte, an denen ich mich gefragt habe: “Bin ich auf dem totalen Holzweg?” Der Mensch ist ein Gruppentier. Wenn alle sagen: “Was willst du hier? Ich kriege voll die Depressionen, wenn ich hier bin”, dann kann ich diese Perspektivlosigkeit nachempfinden. Das geht nicht spurlos an mir vorbei. Ich bin sensibel für Äußerungen, die in diese Richtung gehen. Wenn ich am Deich stehe, ist es für mich total vorbelastet. Ich gebe zu, dass ich in diesem Punkt beeinflusst bin. Sich irgendwo unwohl zu fühlen ist eine Sache, die einem indoktriniert wird.

Wie reagieren die Leute hier darauf, dass Sie jetzt auch nach Berlin gehen?

Gemischt. Zum Teil melancholisch – auch die, die gar nicht mehr in Bremerhaven sind. Die haben mich viel mehr mit der Stadt in Verbindung gebracht als ich mich selbst.

Sie sprachen von der Musikszene, die sich um den Laden herum entwickelt hat.

Für uns ist Bremerhaven halt so ein Ort gewesen, an dem wir in Ruhe an unseren eigenen Sachen arbeiten konnten. Wir haben da damals viel darüber diskutiert, dass es viel geiler ist, in so einer abgeschiedenen Stadt zu sein, als vielleicht in Hamburg. Aus unserer Perspektive, und das kann falsch sein, kam uns das so vor, als würden dort alle so schafsherdenmäßig von einem Hype zum nächsten wandern. Nach einem halben Jahr hieß es: “Acid-Jazz darfst du nicht mehr hören.” Man nimmt was, schlachtet es aus, trampelt drauf rum. Nichts bleibt übrig, es muss sofort was Neues her. Wenn man in dieser Szene nicht zu sehr drin steckt, fällt einem so etwas auf. Das ist der äußere Blick auf Dinge.

Sie sprechen sich dafür aus, dass das kreative Potenzial auch in den Regionen bleiben sollte, um dort Impulse zu setzen. Aber Sie lehnen Berlin deswegen auch nicht ab.

Nein, strikt dagegen zu sein, wäre lächerlich. Ich habe nur den Eindruck, dass es kaum gebürtige Berliner gibt, sondern sich alle dort getroffen haben. Als wäre die Stadt eine einzige Party-Jugendherberge.

Das Internet macht es möglich, von überall aus Platten oder was auch immer zu verkaufen. Dennoch dieser Drang in die Metropole …

Das Internet kann ja nicht das echte Leben ersetzen. Das Bedürfnis nach authentischer Kommunikation ist sehr groß. Direkt mit Leuten zu sprechen, auch in einem Plattenladen, macht Leute glücklich. Trotz aller Möglichkeiten bleibt im virtuellen Raum eben viel auf der Strecke. Und so verkümmert die Kommunikation.

Mussten Sie also nach Berlin gehen, weil die, die sonst in Ihren Laden gekommen sind, nun dort leben?

Dass das jetzt nur noch in Berlin geht, wäre vielleicht etwas viel gesagt. Aber die Tendenz gibt es schon.

Jetzt umzuziehen ist ja auch die Entscheidung für ein Lebensmodell, gegen das Sie sich zuvor immer gewandt haben.

Das stimmt und ich weiß, dass auch ich ein gewisses Loch hinterlasse. Ich weiß nicht, wie vielen Leuten das in Bremerhaven weh tut. Vielleicht gibt es auch Leute, die froh sind. Die sich denken: “Endlich ist der Typ weg, der da bei sonnigem Wetter immer vor seinem Laden sitzt – wir sind hier doch nicht in Berlin!” Das ist keine Entscheidung, hinter der ich hundertprozentig stehe. Von mir aus können die Leute auch alle wieder zurück in ihre Städte gehen. Ohne diese ganzen Capppuccino trinkenden und Brille tragenden Leute wäre Berlin eine Stadt wie Bielefeld.

Der Vorsitzende des Kunstvereins in Bremerhaven, Jürgen Wesseler, hat einmal gesagt, Provinz sei nur da, wo man sie auch zulasse.

Ja, dem stimme ich vollständig zu. Zumal es äußerst fraglich ist, wer eigentlich bestimmt, was Provinz ist.

Was stört Sie daran?

Das Wort klingt, als würde da etwas fehlen. Als gäbe es da irgendetwas weniger. Wenn so viele gute und engagierte Leute nach Berlin gehen, geht die Rechnung jedenfalls nicht auf. Das ist dann eben der Teufelskreis. Der Mangel entsteht ja erst, wenn die Leute weggehen. Ein Freund hat einmal gesagt: “In Berlin bekommt man den Eindruck, als wäre aus jedem Dorf der Coolste hier.” Und das führt ja erst dazu, dass irgendwo derjenige fehlt, der den Leuten etwas zeigen kann.

Ziehen Sie am Ende etwa nach Berlin, um ein Anwalt für die Bremerhavener Sache zu sein?

Vielleicht kann ich hier ja auch ein paar Bremerhaven-Flyer verteilen … Im Ernst, so wie ich mich kenne, werde ich bestimmt nicht müde, Leute darauf aufmerksam zu machen, dass sie nicht nur an sich denken sollten. Das ist auch eine Danksagung an die Leute, die mir in Bremerhaven ermöglicht haben, etwas Neues kennen zu lernen. Was bringt es, eine gute Zeit zu haben, wenn man weiß, woanders gehts den Bach runter? Ich bin aber auch kein Samaritertyp und selbst egoistisch genug. Aber diese “Nach mir die Sintflut”-Mentalität schockiert mich.

INTERVIEW:
RUBEN DONSBACH UND LENA KAISER

Die Zeit: 8. April 2010

Plattenläden

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© Edith Wagner für DIE ZEIT

Hat man da Töne?
Ein Plattenladen verlässt Bremerhaven und zieht nach Berlin. Die Provinz verödet, die Hauptstadt wird hipper.

Eine runde Sache, dieser Eckladen in Bremerhaven, aber leider nun Vergangenheit

Wo komm ich her, wo geh ich hin, das ist ja immer ein Thema. Adem Mahmutoglu kam am Schwarzen Meer zur Welt, Sohn eines türkischen Ärztepaares, mit drei kam er nach Deutschland, mit 13 nach Bremerhaven, und nun, mit 36, verlässt er die Stadt und geht dahin, wohin irgendwie ja alle gehen: nach Berlin.

23 Jahre lang hat er Bremerhaven geliebt und erlitten, hier wurde er zum Mann und zum Musiker, und in den letzten zehn Jahren hat er der Stadt einiges von seinem Welt- und Kulturverständnis zurückgegeben durch seinen Plattenladen: 33rpm Records in der Bürgermeister-Smidt-Straße 113.

Seine Kunden nennen den Mann mit der Hornbrille unter der Wollmütze nur beim Vornamen. Sie wissen: Ungefragt verkauft der keine Massenware, wichtiger als der Umsatz ist ihm der Ansatz. Es gibt ja so viel Musik zu entdecken. Den Gitarristen Gábor Szabó schon mal gehört?

Vor einigen Wochen hat er dann diese Mail verschickt, achthundertfach: Er ziehe um, samt Platten. »Ich weiß, Berlin ist ein zweischneidiges Ding, und Bremerhaven hat so einen Laden viel mehr nötig, aber nach langem Hin und Her hat sich diese Entscheidung so ergeben.« Seine alten Kunden lädt er herzlich ein, »wenn ihr mal in Berlin seid«, Wrangelstraße 95, Nähe Schlesisches Tor.

Kurz vor Ostern hat er seine Kisten gepackt, Mitte dieser Woche sollte in Kreuzberg schon Eröffnung sein. Der Moment des Übergangs bietet die Gelegenheit, zu fragen, was sich da verändert – möglicherweise nicht nur in Bremerhaven, sondern in der ganzen Provinz, die immer öder wird, während sich die Metropole mehr und mehr auflädt.

In Bremerhaven war 33rpm Records ein Informations- und Kraftzentrum, untergebracht in der runden Ecke eines geschwungenen Fünfziger-Jahre-Hauses hinter der Fußgängerzone, dort, wo schon wieder Autos fahren dürfen. Rumpelig war es drinnen, aber das Angebot konnte sich sehen lassen, kein Vergleich mit dem Kaufhaus Saturn, das ein paar Hundert Meter zentraler liegt. Dort gibt es Waschmaschinen und Staubsauger und CDs, »sternhagelgünstig«, vorzugsweise Meistgekauftes, »nee, Schallplatten führen wir nicht«.

Wenn Adem an Saturn denkt, fällt sein Blick auf eine Scheibe von Sun Ra & His Arkestra: What Planet Is This? Sun Ra, dieser verrückt orgelnde Kosmologe, der versicherte, vom Saturn zu stammen, und der auf der Erde nur für ein Menschenleben zwischengelandet war. Längst ist er weitergezogen, und Berlin ist auch ein anderer Stern.

Als die Mauer fiel und westlicher Techno die Bunker des Ostens erzittern ließ, war das dem jungen Adem und seinen Freunden in Bremerhaven noch »ultraegal«. Sie hörten amerikanischen Hardcore, und Musik war ihnen eine reine Nachschubfrage: »Man wusste, es gibt was, aber wie darankommen?« Wenig später gab er selber die Antwort. Die elektronischen Beats bewegten Adem bald, seine Stadt bis heute kaum. Als der musikhistorische Moment Bremerhavens gilt nach wie vor der 1. Oktober 1958, als hier der Soldat Elvis Presley an Land ging, von Zehntausenden bejubelt.

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Die Ladentür fliegt auf, ein Riese in einer gelben Reflektorjacke schwenkt eine CD: »Das Ding ist Mäusescheiße! Da sind nur die letzten fünf Stücke drauf!« Er will seine sieben Euro zurück. Während Adem nach dem Geld kramt: Ein Wort zur Schließung? »Tragisch, aber nicht zu ändern.« Und Berlin? »Viel Beschiss, Klauerei, Mob – aber auch ein gigantischer Umsatz!« Adem hört es unbewegt. Er hat keine Marktforschung betrieben.

Welche Wahl hätte er auch? Seine Band Faruk Green ist schon dort, auch seine Bremerhavener Freundin, er zieht ja nur nach und fühlt sich bei aller Vorfreude ein wenig elend. Wie viele seiner Kunden hat er nach der Schule weggehen sehen! »Was willst du noch hier?«, hätten sie ihm gesagt.

»Und nun«, sagt Adem, »gehe ich auch.« Die Luft in Berlin sei eine Katastrophe, und viele junge Leute sähen früh gealtert aus – aber das könnte natürlich auch am Nachtleben liegen.

Fünfzig Antworten habe er auf die Umzugs-Mail bekommen, Tenor: Das kann doch nicht dein Ernst sein! – »Ich dachte erst, ich kann den Leuten nicht mehr in die Augen schauen.«

»Berlin hat was Imposantes«, sagt er, »aber auch was Schafherdenmäßiges.« Er wünschte sich, dass alle jungen Hauptstädter mal für einen Tag ein Schild um den Hals trügen mit ihrem Heimatort: »Berlin, das ist, wie wenn ich mich vor einem schicken Jaguar fotografieren lasse.«

Richtig traurig wäre Adems Geschichte, wenn er der letzte Plattenhändler Bremerhavens gewesen wäre. Aber so ist es nicht. Da gibt es noch Michael Steffens, 55, der sein Cashmir am Bahnhof 1981 nach dem Song Kashmir von Led Zeppelin benannt hat. Mit Vollbart, Pferdeschwanz und umgekrempelter Jeans hält er die siebziger Jahre hoch. Verkaufen tut er nur secondhand, für Neuware sieht er keine Kundschaft. So wälzt er die Vergangenheit um, die Langspielplatte zu vier Euro: »Der Preis macht die Musik.«

Und Berlin? »Mutig. Mir wäre das zu hektisch.« Andererseits, wenn er sehe, was dort alles so stattfinde, dann habe er Tränen in den Augen. »Wo will man hier abends hingehen?«

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