Kooperative Schulentwicklung
Quelle: http://www.ganztaegig-lernen.org/www/web995.aspx
West-Fuß trifft linke Hand – Schule und Stadtteil sollten miteinander tanzen lernen. Dabei muss man sich auch mal auf die Füße treten
Eine Reportage von Lutz Liffers (Kultur Vor Ort e. V. Bremen)
weiter…
Wenn Kinder aus Europa gemeinsam mit Kindern des namibischen Volkes Haikom einen Tanz lernen, muss der Tanzlehrer aufpassen: Für europäische Kinder ist die Anweisung „linker Fuß vor” eindeutig. Links und rechts sind für Europäer subjektive Kategorien, unabhängig vom räumlichen Kontext. Für die Haikom in Namibia ist das anders: Sie orientieren sich immer an den Himmelsrichtungen. So gibt es einen Ost-Fuß und eine West-Hand – welche Hand und welcher Fuß dies gerade sind, hängt davon ab, wo man steht.
Vielleicht sollten wir uns den Aufbau von Kooperationen zwischen Ganztagsschulen und Akteuren im Stadtteil ähnlich vorstellen wie die oben beschriebene Tanzstunde. Die Orientierung der beteiligten Partner ist mitunter sehr unterschiedlich und wenn der eine „linksherum” sagt, versteht der andere vielleicht „West-Hand” und schon tritt man sich auf die Füße.
Schule fungiert eher als „europäischer” Tanzpartner: Sie agiert meist nach einem deutlich festgelegtem inneren System. Vom Hausmeister bis zur Schulaufsicht ist die Binnenorientierung so selbstverständlich, das jenseits dieser Welt keine weitere zu existieren scheint. Schule ist ein komplexes und funktionstüchtiges System, durch klare Hierarchien und hohe Stabilität geprägt – doch dieses System ist auf den Stadtteilraum bezogen kontextlos. Was außerhalb des Schulgeländes passiert, ist nur dann von Bedeutung, wenn es das Binnensystem stört.
Andere Akteure im Stadtteil, das gilt im besonderen Maße für Kultureinrichtungen, Jugendkunstschulen, Kulturzentren oder freie Künstler, sind dagegen stark kontextorientiert. Sie müssen als freie Träger beständig auf Veränderungen reagieren, sich in Beziehung zu anderen Einrichtungen setzen, sich anpassen und gleichzeitig Profil und Qualität entwickeln. Kultureinrichtungen und freie Träger müssen Networker sein, wenn nicht büßen sie ihre Innovationsfähigkeit ein.
Zwischen zwei Polen
Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Spannbreite der Akteure eines Stadtteils. Jugendämter, Familienhilfe, Sozialverwaltung sind ähnlich wie Schulen vertikal strukturiert. Das sind zwar mächtige Säulen, aber oft ohne ausreichende Querverbindungen. Migrantenvereine, religiöse Gemeinschaften, Sportvereine sind dagegen auf den Sozialraum orientiert und ihrem Selbstverständnis nach Stadtteilinitiativen. Die asymmetrischen Strukturen werfen erhebliche Probleme auf, wenn vor Ort kooperative Strukturen aufgebaut werden sollen.
In Gröpelingen, einem von Migration und Armut geprägten Stadtteil mit 35.000 Einwohnern im Westen Bremens, baut Kultur Vor Ort e. V. seit mehr als zehn Jahren an der Schnittstelle von Bildung, Stadtentwicklung, Kunst und Kultur als freier Träger intensive Kooperationsstrukturen im Stadtteil auf.
Seit einigen Jahren steht das Thema Bildung im Fokus der Arbeit, weil wir darin eine zentrale Perspektive für eine gute Zukunft des Quartiers sehen. Deshalb geht es uns auch nicht um einige gelungene Leuchtturmprojekte (auch wenn diese notwendig sind), sondern um eine integrierte Struktur im Stadtteil, in der nachhaltig die Zusammenarbeit unterschiedlicher Institutionen anders und besser funktioniert.
Verbindliche, aber nicht formale Struktur
Bis heute ist eine verbindliche, aber nicht formale Struktur entstanden, die ein Rückgrat der lokalen Zivilgesellschaft bildet. Beteiligt an diesem Netzwerk sind nicht nur die Schulen und Kitas im Stadtteil, sondern viele wichtige Akteure: Die Volkshochschule, die Stadtbibliothek, das Bürgerhaus, das Stadtteilmarketing mit dem lokalen Einzelhandel, die WiN-Managerin, Sportvereine, religiöse Gemeinschaften, Migrantenorganisationen und einige weitere Institutionen und Persönlichkeiten. Mittelfristiges Ziel ist es, weg von ausschließlich bilateralen Kooperationen, z. B. zwischen Schule und einem Kulturträger, hin zu einer integrierten Struktur zu kommen, um die komplexen Probleme im Stadtteil auch komplex angehen zu können.
Es geht um community building, den Aufbau zeitgemäßer zivilgesellschaftlicher Strukturen, in denen Schulen und allgemein Bildung eine zentrale Rolle spielen können und sollten. Wie lassen sich solche Kooperationsstrukturen aufbauen? Welche Kultur der Kooperation ist dafür notwendig? Im Folgenden wird versucht, in neun Unterpunkten Voraussetzungen und Ansätze für Kooperation vor Ort zu skizzieren.
1. Fokus Stadtteil
Die Kooperationsstrukturen in Gröpelingen haben einen gemeinsamen Fokus: den Stadtteil. Unsere Perspektive ist also nicht (nur) die der Schule, sondern die der gesamten Lebenswelt von jungen und erwachsenen Menschen – das setzt entscheidende Koordinaten für die Kooperationen vor Ort.
Aus dem Stadtteil bilden sich gemeinsame Horizonte für die Zusammenarbeit: Wie ist die Geschichte und Gegenwart des Stadtteils? In welchen sozialen, kulturellen, räumlichen Verhältnissen leben die Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern? Welche Konflikte bestimmen die Lebenswelt der Bewohner? Wie kann die Zukunft des Stadtteils aussehen? Wie können Institutionen mitgestalten?
Der Hintergrund ist geprägt durch die Erfahrung der Einrichtungen vor Ort, aufgrund der schwierigen sozialen Lage im Stadtteil vor ähnlichen Problemen zu stehen. Ob im Kinderkunstatelier, in der Bibliothek, der Grundschule, im Sportverein oder in der Volkshochschule – überall sind wir mit schwierigen Integrationsprozessen, Armut, bei Kindern manchmal auch mit emotionaler und sozialer Verwahrlosung konfrontiert, mit überforderten Eltern und überforderten Nachbarschaften, mit Gewalterfahrung und Perspektivlosigkeit.
Soziale Spaltung der Stadt
Der Stadtteil ist nicht eine zufällige Kulisse, sondern der sozialräumliche Kontext, in dem individuelle Konfliktlagen heranwachsen. In deutschen Großstädten wird seit einiger Zeit die zunehmende soziale Desintegration unter dem Stichwort „soziale Spaltung der Stadt” diskutiert. Es geht nicht mehr nur um individuelle Schicksale, sondern um eine stadträumlich bedingte und verstärkte Benachteiligung von Bewohnern in bestimmten Stadtteilen. Diese Entwicklung verläuft in zwei Richtungen: Während in großstädtischen Armutsquartieren vor allem Jugendliche in besonderem Maße von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind, erleben Schülerinnen und Schüler privilegierter Stadtteile relativ homogene soziale Welten und haben es aufgrund dieses Diversivitätsdefizits schwerer, bestimmte soziale Kompetenzen auszubilden.
Den Stadtteil in den Fokus zu nehmen, bedeutet für die meisten Einrichtungen ein radikales Umdenken: In Gröpelingen haben Stadtbibliothek und Volkshochschule mit einer systematischen sozialräumlichen Ausrichtung ihrer Zweigstellen begonnen und damit für die traditionell zentralistisch organisierten Einrichtungen Neuland betreten. Die beiden Einrichtungen kooperieren mit Kultur Vor Ort e. V. und dem Bürgerhaus Oslebshausen, um gemeinsam Ziele und Programme abzustimmen und weiterzuentwickeln. Sie organisieren Workshops, Tagungen und Vortragsreihen für alle Institutionen und Einrichtungen im Stadtteil. Die Überwindung von Institutionenegoismus zugunsten integrierter Arbeits- und Handlungsansätze ist zentrales Anliegen.
2. Schule im Stadtteil
Für Schulen ist es schwer, sich dem Stadtteil zu öffnen, weil ihre Binnenstruktur autark ist und machtvolle vertikale Strukturen der Schulaufsicht, bzw. zu den Bildungsministerien bestehen. Schulen denken systemisch vertikal und haben oft zu wenig Ressourcen, horizontal vor Ort zu agieren. Veränderungen sind meist dem Engagement einzelner Lehrerinnen oder Lehrer zu verdanken, die in unbezahlten Überstunden an Stadtteilkonferenzen teilnehmen oder sich in Workshops oder Fachgesprächen mit Akteuren aus Kultur, Sport oder lokaler Ökonomie zusammensetzen und das Schulgelände hinter sich lassen. Ohne eine Teilnahme an Handlungsstrukturen außerhalb von Schule bleibt Ganztagsschulentwicklung nur Stückwerk.
Der Aufbau einer kooperativen Bildungslandschaft bedeutet anzuerkennen, dass der gesamte Stadtteil, die gesamte Stadt eine Bildungslandschaft für junge Leute ist: das Kunstatelier in der alten Feuerwache, die Galerie in der Seitenstraße, der informelle Treff im Grünstreifen, die Teestube in der Moschee, die Sportanlagen am Stadtrand, das Shopping-Center, das zeitgenössische Off-Theater in der alten Industriebrache, der Altentreff in der Gemeinde und vieles mehr. Für Schule verheißt Öffnung einen Gewinn an Lernorten außerhalb der Schule.
Parnter im Stadtteil
Aber nicht nur Schule muss begreifen, dass sie zwar ein wichtiger, aber dennoch nur einer von vielen Bildungsakteuren im Stadtteil ist, auch die anderen Partner im Stadtteil müssen erkennen, dass sie mitverantwortlich dafür sind, wie es um die Bildung im Quartier bestellt ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass Kultureinrichtungen oder Gesundheitsinitiativen sich Gedanken machen um die Bildungsstruktur vor Ort. Bei Sportvereinen, religiösen Gemeinschaften oder dem lokalen Einzelhandel (der berufliche Ausbildung ausübt) muss oft genug dafür geworben werden, dass dort Mitverantwortung für die Bildungssituation im Stadtteil getragen wird.
Wenn es um den Aufbau kooperativer Bildungsstrukturen im Stadtteil geht, treffen unterschiedliche Akteure und Strukturen aufeinander: stabile, mächtige Strukturen auf flexible und weniger mächtige, formale auf informelle, professionelle auf semiprofessionelle. Eine solche Zusammenarbeit birgt Risiken: Im Kinokassenschlager „Findet Nemo” treten drei Haie auf, die sich unter dem Motto „Fische sind Freunde, kein Futter” geschworen haben, Vegetarier zu werden. Und tatsächlich, durch den Perspektivwechsel auf die sie umgebende Fischwelt werden die Haie zu kollegialen Partnern im Fischuniversum.
In der Zusammenarbeit zwischen Schulen und anderen Akteuren müssen institutionell starke Partner der Verlockung widerstehen, den anderen einfach zu schlucken und in das eigene System einzuverleiben. Wenn eine Kooperation auf Augenhöhe gelingt, bietet die Entwicklung von kooperativen Bildungsstrukturen eine großartige Chance, aus der Zusammenarbeit von Schule und nicht-schulischen Akteuren den Beginn einer produktiven Freundschaft werden zu lassen. Das ist nicht einfach. Starke Institutionen haben die Tendenz, sich als Mittelpunkt des Geschehens zu begreifen und weniger als ein Partner von vielen, die gemeinsam für die Kinder und Jugendlichen einer Stadt verantwortlich sind.
3. Institutionelle und informelle Bildung zusammen denken
Dazu ist vor allem ein neuer Blick auf das notwendig, was wir Bildung nennen. Die institutionelle Bildung hat in Deutschland traditionell immer noch ungemein größeres Gewicht als die informelle oder non-formale Bildung. Das ist auch kein Wunder angesichts der strukturell desaströsen Lage der kulturellen Bildung in Deutschland. Die Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland” kommt zu dem bestürzenden Befund, dass zwar die Instrumente der kulturellen Bildung erprobt, bewährt, innovativ und wirksam, aber „von Ausnahmen abgesehen” nicht im Alltag der Schulen angekommen seien.
Wenn überhaupt kulturelle Bildung eine Rolle in der Schule spielt, werden oft – mehr wahllos als ausgewählt – möglichst preisgünstig Akteure ins Haus geholt, um in den Nachmittagsstunden einen bunten Strauß an schönen Angeboten vorzuhalten. Künstler, Kultur- und Sporteinrichtungen, diverse freie Träger unterschiedlicher Qualität und manch gut meinender Laie tummeln sich auf diesem Markt. Die Schulen haben, wenn sie geschickt genug sind, ihrem Universum ein paar attraktive Sterne hinzugefügt, aber auch eine Chance vertan. Denn Ganztagsschulentwicklung heißt mehr als nur ein neues pädagogisches Konzept unter dem Dach der Schule zu verfolgen. Vielmehr geht es darum, die Schulen wieder mitten in das städtische Leben zu rücken und als Partner („Fische sind Freunde”) mit anderen Akteuren das gesellschaftliche Leben zu gestalten und die Potenziale der kulturellen und ästhetischen Bildung in ihrer Tiefe zu nutzen.
Perspektivwechsel
Dieser Perspektivwechsel ist auch deshalb so schwer, weil Schulen mit ihrer Binnenentwicklung meist so umfassend beschäftigt sind, dass sie eine konsequente Stadtteilorientierung nur als „Mehrarbeit” statt als Teil eines mittelfristig entlastenden Konzeptes verstehen können.
Wir haben deshalb gemeinsam mit Schulen im Stadtteil zunächst in Pilotprojekten erprobt, wie Strukturen der Zusammenarbeit aussehen können. Heute ist es für Kitas und Stadtteilschulen selbstverständlich, dass die Kinder und Jugendlichen während der Unterrichtszeit in Projekten außerhalb der Schule unter der Obhut von schulfremden Fachleuten arbeiten. Die Projekte in unseren Kunstateliers sind dem Unterricht gleichgestellt und werden von Schulleitung und Lehrkräften als integraler Bestandteil des pädagogischen Gesamtkonzeptes der Schule gesehen.
Dazu sind allerdings Verlässlichkeit und Qualität aufseiten des freien Trägers Voraussetzung. Wir arbeiten grundsätzlich nur mit ausgebildeten Kunstpädagogen, Kunstherapeuten und mit freien Künstlern zusammen, die über eine anerkannte künstlerische Erfahrung und Praxis verfügen.
4. Anker setzen
Wie organisiert man Kooperationsstrukturen vor Ort? Kooperationen zwischen unterschiedlichen Partnern können weder verordnet noch strukturell hergestellt werden. Am Anfang steht deshalb die Suche nach einzelnen Persönlichkeiten in den Einrichtungen, die Interesse und Energie haben, über den Tag hinauszudenken. Da gibt es beispielsweise einen engagierten Geschichtslehrer, hier ist eine neue Bibliotheksleitung mit vielen Ideen, dort bildet sich das Team des Bürgerhauses gemeinsam fort auf der Suche nach neuen Anregungen und die kollegiale Leitung der Sek-II-Schule vor Ort sucht ebenfalls nach neuen Konzepten. All diese Akteure werden sich nicht kennenlernen, wenn sie nicht ihre eigenen Strukturen verlassen und sich im Stadtteil umschauen: Wo gibt es Anknüpfungspunkte, was ist thematisch, konzeptionell interessant bei den anderen, wo könnte es Möglichkeiten der Zusammenarbeit geben? Die Antwort auf diese Fragen lautet: Sich abzuwenden von der Mentalität, Angebote für die eigene Schule „in den Warenkorb” zu klicken – hin zu einem wachen und kooperativen Blick über den Schulhof hinaus.
Filigrane Netzwerke
Solche Anker im Stadtteil sind anfangs meist sehr persönlich geprägt: Arbeitsstil, Themen, Kommunikationskultur u. Ä. passen zueinander, man kommt miteinander klar, respektiert sich, Konkurrenzsituationen sind nicht notwendig. Der Aufbau solcher filigranen Netzwerke zwischen Persönlichkeiten im Stadtteil ist eine erste Grundlage für kooperative Strukturen.
5. Anker lichten
Aber der Zugang über persönliche Beziehungen muss erweitert werden, wenn es kein Klüngel werden soll. Deshalb müssen die Akteure einen öffentlichen Diskurs über die Themen, Strategien und Ziele kooperativer Bildungsstrukturen vor Ort eröffnen. Ein solcher Diskurs ist nicht immer leicht, denn wenn „linke Hand“ und „Ost-Fuß“ miteinander diskutieren, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Was im Stadtteil passiert ist echte interdisziplinäre Arbeit. Dennoch oder gerade deswegen, das zeigen zumindest unsere Erfahrungen, ist das Interesse in den Einrichtungen an solchen Gesprächen und Diskussionen enorm groß.
Wir haben mit runden Tischen, Workshops und Tagungen auf Stadtteilebene das Thema „Bildung/kooperative Bildungslandschaften” auf die Tagesordnung gesetzt und die unterschiedlichen Akteure in eine gemeinsame Diskussion gebracht. Wir waren von der großen Resonanz überrascht. Als wir unter dem Titel „Kultur Macht Bildung” zu einer Tagung mit internationalen Gästen einluden, waren alle relevanten Akteure aus Bildung, Wirtschaft, Soziales und Kultur dabei.
Stadtteilkonferenz
Am Anfang steht das Gespräch. Ein solcher Austausch kann eine Stadtteilkonferenz sein, ein runder Tisch Bildung oder eine Zukunftswerkstatt. Wichtig ist, dass im Vorfeld viele Akteure für das Vorhaben gewonnen werden: die wichtigsten Einrichtungen aus Weiterbildung, Kultur, Sport, religiöse Gemeinschaften, der lokale Einzelhandelsverband, die Kolleginnen und Kollegen aus den Kitas, die Organisationen der Migranten, Akteure aus der Familienhilfe und dem Jugendamt sowie Vertreter der lokalen Politik. Sie kann man gewinnen mit der Aussicht auf eine Aufbruchstimmung, die – wenn es gut geht – den ganzen Stadtteil erfasst. Eine solche Aufbruchstimmung entsteht, wenn
- der Austausch methodisch und inhaltlich gut vorbereitet ist (Was sind die Themen des Quartiers? Wo stehen wir mit den Kooperationen? Was könnte eine Zukunftsvision sein?),
- für ein angenehmes und inspirierendes Ambiente gesorgt ist (ein außergewöhnlicher Tagungsort, ein aufregender Input, ein fantasievolles Programm),
- Offenheit erzeugt wird (Es sollen und dürfen Probleme und Konflikte auf den Tisch, es gibt keine Denkschablonen, alle Akteure werden mit Neugierde und Respekt behandelt.),
- Beteiligung ermöglicht wird (Alle Institutionen sind mit ihren Kompetenzen gefragt, „Fische sind Freunde, kein Futter”).
Es ist sinnvoll, für einen solchen Prozess auch finanzielle Mittel zu organisieren, um beispielsweise eine professionelle Moderation zu ermöglichen und um den angeschobenen Prozess zu verstetigen,aber der Esprit, mit dem die Veranstaltung durchgeführt wird, spielt eine wesentliche Rolle für das Gelingen.
6. Mit Praxis überzeugen
Vor Ort sollten sich die Akteure darauf konzentrieren, eine konkrete Zusammenarbeit zu entwickeln. Kooperative Strukturen müssen Stück für Stück erarbeitet werden, um Vertrauen herzustellen und in der Zusammenarbeit Qualität zu erzeugen – beides braucht Zeit. Deshalb ist es wichtig, anzufangen und gemeinsame Arbeitserfahrungen zu machen. Nichts überzeugt Partner, Sponsoren und Politik mehr als gelungene und überzeugende Projekte.
Wenn es um den Aufbau einer lokalen Struktur geht, sind auch Leuchtturmprojekte bedeutend. Sie zeigen prototypisch, wie gemeinsam gearbeitet werden und welche Erfolge man erzielen kann. Im Kunstprojekt „Berge versetzen” ist das mit den Partnern im Stadtteil besonders gut geglückt: Das Thema konzipierten Jugendlichen im Jugendatelier. Die Erarbeitung eineer riesigen kollektiven Skulptur fand in vielen Schul- und Kita-Projekten sowie offenen Angeboten von über 120 Kindern und Jugendlichen statt und das Objekt wurde öffentlichkeitswirksam in der hiesigen Kulturkirche präsentiert. Am Ende stellte nicht eine einzelne Schule ein schönes Ergebnis vor, sondern ein Stadtteil zeigte mit Hilfe der Schulen und Kitas sein Potenzial. Für einige Tage schaute die gesamte Stadt erstaunt auf den oft geschmähten Stadtteil und wunderte sich, welche Qualitäten die lokalen Kooperationen hervorbringen können.
Aber nicht nur nach außen, auch nach innen wird mit Leuchttürmen Überzeugungsarbeit geleistet. Die Kollegen und Kolleginnen in den Einrichtungen erleben unmittelbar, was vorher theoretisch auf Papier skizziert wurde: die befreiende, inspirierende und nachhaltige Wirkung von integrierten Arbeitsansätzen auf Stadtteilebene.
Schließlich kann aus gelungener Praxis Erkenntnis für die Zukunft gewonnen werden: Welche Voraussetzungen müssen zukünftige Projekte haben, welche Strukturen sind notwendig, damit Schule und Stadtteil gemeinsam tanzen, wie können Eltern eingebunden werden, wer hat welche Verantwortlichkeiten? Das bedeutet, die systematische Auswertung der Projekte benötigt Ressourcen und Kompetenzen, damit erfolgreiche Praxis nicht dem Zufall überlassen bleibt.
7. Gemeinsame Handlungsfelder definieren
Um zu dauerhaften und verlässlichen Kooperationen in Bildungslandschaften zu kommen, müssen die wichtigen strukturellen Themen der Entwicklung einer solchen Bildungslandschaft kooperativ bearbeitet werden. In unserer Arbeit haben sich drei Handlungsfelder herauskristallisiert, die für alle Partner gleichermaßen wichtig sind und deshalb auch auf dauerhaftes Interesse stoßen:
- Übergänge: In den Übergängen des Bildungssystems wirkt die soziale Entmischung der Schülerschaft am stärksten. Man kann überraschende Wege einschlagen, um Übergänge besser zu gestalten. In Gröpelingen beispielsweise experimentiert Kultur Vor Ort mit einem Pilotprojekt im Rahmen des Programms „Soziale Stadt”, um den Übergang von Kita zur Grundschule zu verbessern. Kinder und Eltern mit Migrationshintergrund arbeiten in einem Kunstprojekt in den letzten sechs Monaten der Kita-Phase und den ersten sechs Monaten der Schulphase und thematisieren Schulerfahrungen und Bildungsutopien.
- Verzahnung: Wenn man sich einen Überblick über vorhandene Angebote verschafft hat, wird schnell offenkundig, dass es Doppelstrukturen gibt, konzeptionelle Sackgassen, unterschiedliche Qualitäten und ein Nebeneinander unterschiedlicher Ansätze. Hier gilt es, Programme besser abzustimmen, Profile zu stärken und gemeinsam neue programmatische und konzeptionelle Wege zu gehen.
- Qualität: Neben der fachlichen Qualitätsentwicklung in einzelnen Einrichtungen wird eine auf den Stadtteil bezogene überinstitutionelle Qualifizierung der Akteure benötigt.
8. Qualifizieren
Die fachliche Qualifikation in den einzelnen Einrichtungen gehört zum selbstverständlichen Handwerkszeug moderner Institutionen. Für den Aufbau kooperativer Strukturen auf Stadtteilebene ist eine institutionenübergreifende Qualifizierung notwendig. Dazu gehört einerseits das Kennenlernen der einzelnen Einrichtungen, ihrer Philosophien, Strukturen und Mitarbeiter. Andererseits geht es aber auch um die Diskussion von Themen und Konflikten, die spezifisch für den Stadtteil sind und alle Akteure im Stadtteil gleichermaßen beschäftigen (sollten). Das sind ungelöste Fragen der Integration ebenso wie Fragen der Stadtteilentwicklung, der Ökologie und der Nachhaltigkeit im Stadtteil, Armut und Desintegration – aber auch politisch brisante Themen wie Neonazismus oder Rassismus. Und schließlich gehören auf die Agenda solcher Quartiersfortbildungen übergreifende fachspezifische Themen wie Übergangsmanagement, Elternbildung und nicht zuletzt der Aufbau von Kooperationsstrukturen als ständiges Thema der fachlichen Weiterentwicklung.
9. Bildungsmanagement vor Ort aufbauen
Ein runder Tisch Bildung, eine Stadtteilkonferenz oder Quartiersakademie sind Möglichkeiten, einen Leitbildprozess Bildung für den Stadtteil anzuschieben. Ein solcher lokaler Leitbildprozess kann der Auftakt zum Aufbau einer lokalen Bildungslandschaft sein, bei der die örtliche Ganztagsschule ein wichtiger Motor sein kann. Eine lokale Bildungslandschaft ist ein Vorhaben, das in der Verwaltung und in der kommunalen Politik gewollt und vorbereitet werden muss. Es ist nicht unerheblich, wie aktiv und selbstbewusst die lokalen Akteure dafür die Grundlagen schaffen. Ohne die Expertise der lokalen Akteure ist eine vitale Bildungslandschaft vor Ort kaum möglich. Eine kommunale Top-Down-Strategie braucht lokale Bottom-Up-Strukturen (und umgekehrt), um Wirksamkeit und Relevanz im Bildungswesen zu entfalten. Dabei wird es zu Konflikten kommen, weil es weder lokal vor Ort noch in der kommunalen Verwaltung ausreichende Erfahrungen gibt, wie man denn beide Bewegungen sinnvoll zusammenbringt und steuert. Erstrebenswert ist deshalb die Etablierung eines Bildungsbüros oder eines Teams, dass das Vertrauen vor Ort genießt, die lokalen Prozesse unterstützt, moderiert, inspiriert und als Scharnier zwischen kommunaler und lokaler Struktur fungiert. Wie hilfreich solche vermittelnden Strukturen sind, kann man in Berlin im Projekt „Quadratkilometer Bildung” oder in Hamburg in der „Bildungsoffensive Elbinsel” studieren. Mit einer starken Struktur vor Ort, die unabhängig von einzelnen Institutionen ist, aber sich gleichzeitig als eine den lokalen Akteuren verpflichtete Struktur versteht, können Kräfte gebündelt, Prozesse inspiriert und weitere Partner für den Aufbau kooperativer Strukturen vor Ort gewonnen werden.
Informationen zu Kultur Vor Ort e. V. www.kultur-vor-ort.com
Datum: 19.04.2010
© www.ganztaegig-lernen.de


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