Was ist kulturelle Bildung?

Quelle: http://www.bpb.de/themen/JUB24B,0,0,Was_ist_kulturelle_Bildung.html

Kunst- und Musikunterricht kennt jeder, aber ist das schon kulturelle Bildung? Zweifelsfrei steht fest: Der Begriff “Kulturelle Bildung” hat Hochkonjunktur – und bedeutet Bildung zur kulturellen Teilhabe.

Kunst ist Kunst. Alles andere ist alles andere.
(Ad Reinhardt)

Kulturelle Bildung bedeutet Bildung zur kulturellen Teilhabe. Kulturelle Teilhabe bedeutet Partizipation am künstlerisch kulturellen Geschehen einer Gesellschaft im Besonderen und an ihren Lebens- und Handlungsvollzügen im Allgemeinen. Kulturelle Bildung gehört zu den Voraussetzungen für ein geglücktes Leben in seiner personalen wie in seiner gesellschaftlichen Dimension. Kulturelle Bildung ist konstitutiver Bestandteil von allgemeiner Bildung.
Kultur und Bildung – Begriffliches

Kultur im weiteren Sinne meint die jeweils typischen Erscheinungen in der Gesamtheit der Lebensvollzüge einer Gesellschaft (Nation, Ethnie, Gruppe usw.) von den technischen und künstlerischen Hervorbringungen bis zu den Verhaltensmustern des Zusammenlebens und den Wertvorstellungen und Normen, also auch den philosophischen und religiösen Bezugssystemen einer Gemeinschaft. Das ist ein historischer, soziologischer oder auch ethnografischer Gebrauch des Wortes Kultur.

Mit Kultur im engeren Sinne werden die Künste und ihre Hervorbringungen bezeichnet: Bildende Kunst, Literatur, die darstellenden Künste (von Theater über Tanz bis Film), Musik, die angewandten Künste wie Design und Architektur sowie die vielfältigen Kombinationsformen zwischen ihnen. Sie stellen aus der Kultur im weiteren Sinne die Teilmenge dar, um die es im Folgenden geht.

Bildung meint im Ergebnis einen Zustand, in dem der Mensch selbstverantwortlich fähig ist, sein Leben erfolgreich zu gestalten. Das betrifft die personale (Innen-)-Perspektive ebenso wie die gesellschaftliche (Außen-)-Perspektive. Dazu gehören Sachwissen, praktische Handlungskompetenzen, emotionale Kompetenzen und die Fähigkeit der Selbstreflexion, also Orientierungswissen. “Gebildet sein” ist im Übrigen keine absolute, sondern eine relativ zu den lebensweltlichen Bezügen des Menschen zu bestimmende Größe. Insoweit der Mensch, seine Lebenslagen und seine Bezugswelten sich im Laufe des Lebens verändern, ist Bildung nie abgeschlossen. Vielmehr sind Bildung und Lernen eine das gesamte Leben begleitende Aufgabe – und Chance.

Kulturelle Bildung (andere Bezeichnungen sind musische bzw. musisch kulturelle oder auch ästhetische bzw. ästhetisch kulturelle Bildung) bezeichnet den Lern- und Auseinandersetzungsprozess des Menschen mit sich, seiner Umwelt und der Gesellschaft im Medium der Künste und ihrer Hervorbringungen. Im Ergebnis bedeutet kulturelle Bildung die Fähigkeit zur erfolgreichen Teilhabe an kulturbezogener Kommunikation mit positiven Folgen für die gesellschaftliche Teilhabe insgesamt. Kulturelle Bildung ist integrales, notwendiges Element von Allgemeinbildung. Bildung und Kultur sind zwei Seiten einer Sache: Bildung ist die subjektive Seite von Kultur, Kultur die objektive Seite von Bildung (vgl. Fuchs 2005). Zwischen engerem und weiterem Begriff von Kultur und kultureller Bildung sind die Übergänge fließend.
 
Politische Einordnung

Bildung als Prozess hat, zusammengefasst, drei Funktionen: Vorbereitung auf die Berufstätigkeit, Ermöglichung politischer und gesellschaftlicher Teilhabe sowie Persönlichkeitsbildung. Diese Funktionen sind in ihren Einflusschancen ungleich verteilt. Das Hauptgewicht liegt in der bürgerlichen Wirtschaftsgesellschaft auf der beruflichen, also letztlich ökonomischen Verwertbarkeit von Bildungsinhalten. Bildungsinhalte, die nicht mit dieser ausdrücklichen Zielrichtung vermittelt oder in den dafür explizit vorgesehenen Kontexten erworben werden, haben es schwer, abzulesen z. B. an der Randständigkeit der Schulfächer Kunst, Musik und Darstellendes Spiel.

Dem gegenüber steht eine aktuelle Hochkonjunktur der Wertschätzung kultureller Bildung – jedenfalls in offiziellen politischen Deklarationen. Kulturelle Bildung ist zum Hoffnungsträger der Bildungsbemühungen geworden. Kreativität ist höchst gefragte Schlüsselkompetenz mindestens in qualifizierteren Zusammenhängen der Arbeitswelt. Zugleich ist sie in Pädagogik und Didaktik von Schule über Berufsbildung bis Weiterbildung nur schwer zu vermitteln. In den Künsten und bei den Kulturschaffenden, d. h. bei Künstlern und Kulturvermittlern, wird Kreativität aber als selbstverständliche Grundkompetenz vorausgesetzt. Auf die Künste, auf Künstler und Kulturvermittler richtet sich vielfach die Hoffnung auch der Allgemein-, Berufs- und Weiterbildner. Durch den Einsatz künstlerischer Mittel und Methoden erhofft man sich Transferleistungen von Kreativität, Wahrnehmungs- und Kommunikationsfähigkeit auch in Bildungsprozessen für alle möglichen Tätigkeitsbereiche.

So wird in der politischen Argumentation kulturelle Bildung oft weniger in ihrer Grundbedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung und die gesellschaftliche Teilhabe des kulturell gebildeten, emanzipierten Individuums gewürdigt, als vielmehr für die angenommenen arbeitsmarktgängigen „Soft skills“ und neuerdings auch für Integrationsleistungen in der multi- und interkulturellen Situation in Deutschland, die den politisch Verantwortlichen zu Bewusstsein kommt. Natürlich sollen auch die ökonomischen Tauglichkeiten ästhetisch kultureller Bildung nicht gering geschätzt werden. Auch sie produziert Fähigkeiten, die arbeitsmarktrelevant sind, und zwar nicht nur im weiteren, sondern auch im engeren Sinne. Man denke an den Produktions- und der Rezeptions“betrieb“ der Künste als großen Wirtschaftskomplex und Arbeitsmarkt.

Kulturwirtschaft und Kreativwirtschaft produzieren eine hohe Wertschöpfung: Die Brutto-Wertschöpfung der Kulturwirtschaft lag in 2004 bei 36 Mrd. Euro (ohne den öffentlichen Kulturbetrieb mit 6 Mrd. Euro). Das entspricht einem Anteil von 1,6 Prozent am gesamten Bruttoinlandsprodukt in 2003. Im Vergleich zu anderen Wirtschaftsbereichen liegt die Kulturwirtschaft damit ungefähr zwischen der Chemischen Industrie mit 2 Prozent und der Ener-giewirtschaft mit 1,4 Prozent. (vgl. Söndermann 2006). Der Arbeitsmarkt der Kulturberufe erlebte im Unterschied zu den meisten anderen Teilarbeitsmärkten in den letzten zehn Jahren eine enorme Expansion. In 2003 wurden nach dem Mikrozensus 780.000 Erwerbstätige in Kulturberufen gezählt (vgl. Söndermann 2004).

Ihr kreativer Kern aber sind die Künste bzw. die Künstlerinnen und Künstler. Sie werden nur dann ihre Kraft behalten, wenn sie sich nach ihrer Eigen-Art entwickeln und ihrem Eigen-Interesse folgen können, die nicht vor allem von außengeleiteten ökonomischen Zwecken – etwa in der Förderpolitik – dominiert werden.

Orte und Institutionen kultureller Bildung

Wie alle Bildungsprozesse findet auch kulturelle Bildung formell und informell, in dafür vorgesehenen Institutionen und außerhalb, im öffentlichen Bereich und auf privater Ebene statt. Wie bei allen Bildungsprozessen steht zu vermuten, dass das Individuum sehr viel mehr in informellen als in formellen Prozessen und sehr viel mehr außerhalb als innerhalb der dafür vorgesehenen Institutionen lernt – ohne dass diese dadurch überflüssig würden. Das allgemeinbildende Schulsystem mit seinen Fächern Kunst, Musik und, wo vorhanden, Darstellendes Spiel (Theater), dazu in Deutsch und den Fremdsprachen in ihren literatur- und kulturgeschichtlichen Anteilen ist die Institution, in der grundsätzlich alle Kinder und Jugendlichen künstlerisch kulturelle Bildung erfahren.
Viele außerschulische kulturelle Bildungseinrichtungen wenden sich ebenfalls an Kinder und Jugendliche, so Kunstschulen und Musikschulen, in Teilen auch soziokulturelle Einrichtungen und sonstige Kulturvereine (z. B. Kindermuseen). Inzwischen entdecken sie auch Erwachsene jeden Alters als Zielgruppen und Kundschaft ihrer Arbeit. Für die Volkshochschulen in ihren kulturellen Fachbereichen gilt dies schon seit jeher. Die professionellen Kultureinrichtungen selbst, wie z. B. Theater, Orchester, Museen, Bibliotheken, Kunstvereine, Kulturzentren, wirken durch ihre Arbeit für ihre Besucher faktisch immer auch kulturell bildend. Sie haben in den letzten Jahren ihren Bildungsauftrag auch als explizite Aufgabe neu entdeckt, nicht zuletzt als Akt des “audience development”. Sie wollen und müssen ihr Publikum selbst heranbilden, nachdem deutlich wurde, dass die nachwachsenden Generationen ihren Weg zu ihnen nicht mehr wie früher finden.

Der immense Bereich der Laien- oder Amateurkultur, Vokal- und Instrumentalensembles, Theatergruppen, literarische Schreibgruppen, freiwillig gemeinnützig betriebene Museen, Bibliotheken, Kunstvereine usw. spielt eine starke, oft unterschätzte Rolle in der praktischen kulturelle Bildung für die Aktiven wie für ihr Publikum.

Auch die Massenmedien, audiovisuelle Medien und Printmedien (vom Buch bis zur Tages-zeitung), wirken mit ihren Inhalten faktisch kulturell prägend, also bildend. Die unendlichen Möglichkeiten des Internets enthalten fast ebenso unendliche Möglichkeiten der kulturellen Bildung – für den, der sie als solche sucht, ebenso wie für den, der sie nur konsumiert. Viele dieser Orte und Institutionen gehören zum öffentlich geförderten Sektor, andere zum privatwirtschaftlichen Bereich, häufig finden sich Mischformen. Deutschland ist – immer noch – das Land mit der weltweit stärksten künstlerisch-kulturellen Infrastruktur, die – grundsätzlich – auch die beste Infrastruktur kultureller Bildung bietet. Voraussetzung dafür ist eine inzwischen häufiger vorkommende, aber noch lange nicht selbstverständliche Synergiebildung zwischen den formell und informell kulturell bildenden Institutionen, etwa durch Kooperation zwischen Schulen und außerschulischen kulturellen (Bildungs)Einrichtungen vom Profi- bis zum Amateurbereich.

Die Institutionen sind in zahlreichen Verbänden organisiert, die ihre Mitglieder in ihren praktischen Bedürfnissen unterstützen, ihre Interessen gegenüber Öffentlichkeit und Politik vertreten und an der verbandsinternen kulturpolitischen, de facto auch bildungspolitischen Willensbildung arbeiten. Die bundesweite Dachorganisation der Bundeskulturverbände ist der Deutsche Kulturrat. Der größte spartenübergreifende Kulturverband ist die Kulturpolitische Gesellschaft.

Fast alle Kulturverbände bieten Fortbildungen für ihre Mitglieder an. Darüber hinaus stehen Kulturschaffenden und Kulturvermittlern zahlreiche, meist öffentlich geförderte Fortbildungseinrichtungen zur Verfügung. Am dichtesten sind die Fortbildungsangebote im Musikbereich; fast jedes Bundesland hat mindestens eine Landesmusikakademie. Bundesweit arbeiten hier die Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen und die Musikakademie Rheinsberg.

Einen bundesweiten Auftrag für jeweils mehrere Kultursparten nehmen wahr die Akademie Remscheid für musische Bildung und Medienerziehung sowie die Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel. Sie arbeiten multiplikatorenorientiert für die berufliche Weiterentwicklung ebenso wie für ehrenamtliche Tätigkeiten in Kulturvermittlung, Kulturproduktion und Kulturmanagement auf professionellem Niveau.

Literatur

Bilden mit Kunst. Hg. v. Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen e. V. Bielefeld 2004.

Fuchs, Max (2005): Kulturpädagogik und Schule im gesellschaftlichen Wandel. In: Kulturelle Bildung in der Bildungsreformdiskussion (2005). S. 155-276.

Kulturelle Bildung in der Bildungsreformdiskussion. Konzeption Kulturelle Bildung III. Hg. v. Deutschen Kulturrat. Berlin 2005.

Kulturelle Bildung in der Wissensgesellschaft. Zukunft der Kulturberufe. Hg. v. Olaf Zimmermann u. Gabriele Schulz. Deutscher Kulturrat. Bonn/Berlin 2002.

Kulturvermittlung zwischen kultureller Bildung und Kulturmarketing. Eine Profession mit Zukunft. Hg. v. Birgit Mandel. Bielefeld 2005.

Kunst-Griffe. Über Möglichkeiten künstlerischer Methoden in Bildungsprozessen. Hg. v. Karl Ermert, Dieter Gnahs, Horst Siebert. Wolfenbüttel 2003. (= Wolfenbütteler Akademie-Texte Bd. 11)

Söndermann, Michael (2004): Kulturberufe. Statistisches Kurzportrait zu den erwerbstätigen Künstlern, Publizisten, Designern, Architekten und verwandten Berufen im Kulturberufemarkt in Deutschland 1995 – 2003. Im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM). Bonn 2004. PDF unter Bundesregierung (Stand 31.01.07).
Söndermann, Michael (2006), Arbeitskreis Kulturstatistik e. V.: Kulturwirtschaft und Creative Industries. Statistische Eckdaten. Bonn 2006. Download unter www.kulturstatistik.de.

 Zur Person: Dr. Karl Ermert
Germanist und Historiker. Ermert ist seit 1999 Leiter der Bundesakademie für kulturelle Bildung Wolfenbüttel.

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